Das Wiener Wappen

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Das Wiener Wappen

 Kaiser Friedrich III.  verlieh  der Stadt Wien in Anerkennung der treuen Dienste,  die sie ihm gegen Herzog Albrecht von Österreich und andere Widersacher aus Ungarn, Böhmen und Bayern im Sommer des Jahres  1461  geleistet hatte, mit dem Diplom, gegeben zu  Leoben am 26. September 1461,  das Vorrecht,  den doppelköpfigen Reichsadler zu führen, also eine Wappenbesserung, da, wie aus dem Wappenbriefe hervorgeht, die Stadt vordem als Wappen einen goldenen einköpfigen Adler im schwarzen Felde geführt hatte.

Seit dieser Zeit blieb die Gemeinde im Besitz dieses Wappens. Aber schon seit dem Jahre 1464 nahm sie, wie dies aus dem Stadtsiegel erhellt, in den Doppeladler das Emblem des alten Stadtwappens, den Kreuzschild — ein weißes (silbernes) Kreuz auf rotem Grunde —, auf und hat ihn seither ununterbrochen beibehalten.

Über diese Abänderung des ursprünglichen Wappenbriefes ist im Stadtarchiv kein beglaubigtes Dokument vorhanden.

Ir. dieser abgeänderten Form hat auch die Gemeinde das Wappen in Farbendruck herausgegeben, und zwar nach einer Kopie,  die der k. k. Rat und Konservator für Wien,  Albert Ritter von Camesina, nach dem  im Stadtarchiv aufbewahrten Originalwappenbrief angefertigt hat; der Adler trägt einen aufgelegten,  dreieckigen Brustschild  mit dem weißen Kreuz auf rotem Grunde.

Ströhl ist nun der Ansicht, daß das Wiener Wappen meist nicht ganz entsprechend dargestellt wird; ist seine Ansicht richtig,  so würde  auch obige Darstellung Camesinas mangelhaft sein. Ströhl meint nämlich: nach dem Wappenbrief vom Jahre 1461 ist der Hauptschild halbrund; wenn man dem Doppeladler daher einen Herzschild auflegt, so darf er natürlich nicht dreieckig, sondern muß ebenfalls halbrund sein, weil der dreieckige Schild eine viel ältere Form ist als der halbrunde.

Dieser tritt in der spätgotischen Zeit auf, der dreieckige Schild  bereits in  der hoch- und frühgotischen Zeit. Durch diese Mischung der Stile verliere daher das Wappen an einheitlicher Wirkung.

Vom Standpunkte des strengen Heraldikers wird Ströhl vermutlich recht haben,  aber eine Frage möge dagegen gestattet sein: Sollte man das im Jahre 1464, als das Emblem des alten Stadtwappens in das neue Wappen aufgenommen wurde,   ob  durch irgend eine nicht mehr nachweisbare Verleihung oder selbstherrlich, ist gleichgültig, nicht mehr gewußt oder übersehen haben? Vielleicht; wäre es aber nicht auch möglich, daß man es sehr wohl gewußt, trotzdem aber und absichtlich die ältere Dreiecksform des Schildes beibehalten hat, um anzudeuten, daß  die Stadt lange vor Verleihung des neuen Wappens, schon zu einer Zeit, als noch dreieckige Schilde üblich waren, das weiße Kreuz auf rotem Grund als Wappen geführt hat?
Was das Richtige sei, ob dreieckiger, ob halbrunder Schild, das mögen die zünftigen Heraldiker entscheiden, hier genügt es, auf diesen Umstand hingewiesen zu haben.

Das im Mittelgiebel der Versorgungsheimkirche angebrachte Wappen der Stadt Wien wurde soweit dies tunlich war, dem romanisierenden Stil der Kirche angepaßt. Daher die großen Rollköpfe der Flügelknochen oder Lachsen, die straffe Stellung der Schwungfedern, die einem Knopfe entspringenden Schwanzfedern u.s.w.

Darüber wurde die dem Range der Haupt- und Residenzstadt entsprechende fünftürmige goldene Mauerkrone angebracht.



WAPPEN DER STADT WIEN AM GIEBEL DER VERSORGUNGSHEIM-KIRCHE

Aus „Der heraldische Schmuck der Kirche des Wiener Versorgungsheims“, herausgegeben von Dr. Jakob Dont, Gerlach & Wiedling, Buch- und Kunstverlag, Wien, Dezember 1910