Brandneu
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Literatur - Gschichtl'n
Gurkerl im Glaserl
Der sinnloseste Tag meines Lebens
(aus dem Tagebuch des M. Sch; vergiß ihn!)
Weihnacht 1997 im Gasthaus "Ur" Schulz-Wien 19, Billrothstraße 22
Am Mittwoch dieser Woche, so gegen ein Uhr Früh erreichte mich ein merkwürdiger Anruf. Eigentlich war es der zweite, da der erste nicht so richtig zustande kam. Lallo...Schui...und aus. So ähnlich war er ungefähr. Der zweite war schon deutlicher: Servas Schuizal, daRoman undi kumman novorbei. Darauf ich: "Bitte nicht, das hat ja keinen Sinn mehr". M: "Oja, a Schuizal geht immer no". Ich machte mich auf etwas gefaßt. Und wirklich 2o Minuten später ein Gerangel im Türbereich. Zwei bleiche geknickte Gestalten jammerten im Chor: "Ohne Schuizal, ohne Schuizal gemma net ham". Es dürfte sich um mein Weih-nachtsgeschenk der Familie Schmidt gehandelt haben.
Zwei schwankende Gestalten bemühten sich redlich in den Schankbereich zu gelangen. Mit affenartigen Bewegungen schwang sich Roman in die Bank. Irgendein Salzstreuer ging dabei zu Bruch. Er wurde keines Blickes gewürdigt, nicht einmal negiert. Während M. mit einem Überkleidungsstück ziemlich stark haderte, es ging offensichtlich nicht schnell genug vom Leib, wurde sogleich die Lösung über Kopf bevorzugt. Wo genau das gute Stück gelandet war, konnte in der Dunkelheit nicht gleich festgestellt werden. Unmittelbar danach zeigten mir beide gleichzeitig die fette Beute, die Sie in einer Weinflasche als Geschenk mitgebracht hatten. "s´Gurkerl",daß war also der Anfang vom Ende, oder der programmierte Untergang. Die stark geröteten Augen von M. und R. verstärkten nur meinen Ein-druck von diesem. Urplötzlich kam auch, fast wie aus einem Munde: "WeidndlkknachedlGeschdkdlfmgGastkdfklkhaus". Auf hochdeutsch: Ein Weihnachtsgeschenk von einem Gasthaus. Auf meine Frage, ob noch etwas zu trinken gewünscht werde?, kam es aus Mike wie ein Stoßgebet hervor: "Eie Maß". Der wurde aber gleich mit einem Ordnungsruf von R. mit einem: Bist teppat! zurecht gewiesen". R. weiter : "Des kann doch ka Sau mehr saufn". Mit einer Bestellung von M.: "An Schuizallllllllllll" ging M. knieweich zu Boden. Da in diesem Bereich dieser aber zu weit entfernt war, legte er seinen, bis dahin schwer pendelnden Kopf, einfach auf die Schank. War das ein herrlicher Anblick, die stark geröteten Augen noch halb offen, die mich im ersten Moment mehr an Leichenstarre erinnerten, und die, durch die Schank (vor allem im Mundbereich) entstellten Gesichtszüge.
R. Sch freundete sich, nach einer korrekten Bestellung einer Wiesen Halben, mit dem Rothweiler von Hr. H.F. an. Er beteuerte des öfteren, innerhalb der ersten Minute, daß er ja schon immer ein Hundefreund gewesen sei.... usw. Nach zwanzig Minuten wurde die Geschichte aber langsam fad. Inzwischen raffte sich R. Schm. kurzfristig mühsam auf und schenke mir für ein paar Augenblicke ein bizarres Lächeln. Ein fast perfekter Gast. Warm genug dürfte es ihm gewesen sein, das vermittelte wenigstens sein gleichmäßiges Schnarchen. Zu dieser Zeit begann R. auf den Hund immer stärker und kräftiger einzureden. Der Hund spitzte die Ohren und winselte von Zeit u Zeit, wenn er, das nicht ganz fehlerfreie hochdeutsch, verstand. Irgendwann wandte sich der Köter plötzlich ab und beobachtete wichtigere Sachen im Raum. (Wie z.B. Tischbeine, Menschen-füße und Schuhe).
Es war die Zeit wo M. wieder einmal seinen Kopf in eine halb schiefe Position brachte und mit erhobenem Zeigefinger einen Schuizerl zu bestellen versuchte. Und das hörte sich dann etwa so an: "zerllllllllllllllliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmmmmaaa". Und aus. Diese Bestellung nahm ich, nicht wegen der ungebührenden Form, sondern wegen des vorausschaubaren sinnlosen Verzehr-ungsversuches, der sich durch die wiedereingetretene Schlafstellung, schon vom Prinzip, als völlig unmöglich erscheinen ließ. Jetzt sprach (vulgo brabbelte) R. auf den Hundebesitzer ein. Hundebesitzer H. ließ das kalt, er trank nur schneller und zog auch, fester als sonst, an seiner Zigarette. Auf das übliche dritte Bier verzichtete er heute abends. So kam er wenigstens einmal früher ins Bett. Da nun R. Sch. keinen Anlallpartner mehr hatte, widmete er sich sich urplötzlich seinem Leidensgenossen. Er erblickte ihn nicht sogleich, da er sein Antlitz in seiner eigenen Augenhöhe vermutete. Mit einem: Des geht aba net! zog er M., der inzwischen dem Tod näher war als dem Leben, mit einem Ruck unsanft in dieses zurück. So ungefähr kann ich mir den Geburtsschmerz einer werdenden Mutter vor stellen. Der Unterschied war nur, daß die Neu-geborenen einfach nur schreien. Ihm dürfte es aber, auf Grund des abnormen Schmerzes, die Rede verschlagen haben. Das bizarre Lächeln war jetzt auch weg. Jetzt paßte das Gesicht auch endlich zur Leichenstarre. Kreidebleich, bis aschfahl, startete M. vollautomatisch (er dürfte darin Übung haben) das Unternehmen; Halbwegs geordneter Abgang.
Der erste Schritt war, über den Abgrund hinaus, ins Bodenlose. Der rettende Tisch auf Schank eins verhinderte einen tieferen Fall. Mittlerweile war auch ein Erlöser in Form eines Romans da (die Motivierung war wahrscheinlich auch, daß er M. noch geschäftlich brauchen könnte) und half dem völlig schlaftrunkenen M. in seinen Überzieher. Nach ein paar Minuten unter-schied sich M. wieder teilweise von einem Sandler. R. war richtig stolz auf seine Leistung, was sein Blick durch die Runde bekräftigte. So gesteilt, mit Gummibeinen versehen, plante man gemeinsam den ersten Schritt in eine ungewisse Zukunft, Richtung Ausgang. Bei eben diesem deutete M. mit einem entschlossenen Schritt nach rechts an (In dieser Richtung befand sich nämlich das Klo), daß er vorher lieber noch speiben gehen wollte. Das wurde aber von R. ruckartig unterbunden, indem er M. unsanft in Richtung Ausgang stellte. Daß der Abgang, selbstredend wort- und grußlos, nicht in Einem vollzogen werden konnte, lag an dem ja wirklich völlig sinnlosen Eingangsvorhang, der beide für Minuten vom endgültigen Abgang hinderte. Daß dieser kurzerhand heruntergerissen wurde, muß an dieser Stelle nicht extra betont werden. Mit dem letzen deutschen Bruchstücksatz : "Schei.....................................ß Fetznnnnnnnnn", stellte R. den völlig wehrlosen M. auf den Bürgersteig, in die erbarmungslose Kälte. Ein Hauch von Friedhofsduft umwehte M, der urplötzlich zu rülpsen begonnen hatte.
Inzwischen hatte ich einen biederen Wiener Taxler herbeigewunken und ihn mit der Schwierigkeit, der auf ihn zukommenden, unlösbaren Aufgaben, vertraut gemacht. Er erklärte sich auch nach reichlichem Bakschisch unwillig bereit, die beiden Kisten Bier in Richtung Heimat zu verfrachten. Als Pfand hinterließ M. großzügig "s´Gurkerl". Ich habe bis heute von beiden nichts mehr gehört und schon gar nix in der Yellow Press gelesen. Erwähnenswert wäre nur noch, daß der leidgeplagte Taxler, der M. jetzt ein bisschen ähnlich schaute, am nächsten Tag überraschenderweise noch ein Reinigungsentgeld von mir abkassierte. Bei einer der beiden Flaschen dürfte sich doch noch der Verschluß geöffnet haben. Auch die besten Verschlüsse halten einem gewissen Druck nicht ewig stand.
Wolfgang Schulz
