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Josef Lanner

„Wiener Walzer“ ist eigentlich ein Pleonasmus; „Walzer“ allein ist genügend. Denn der Walzer, jener Tanz, der sich aus dem „Deutschen“ und dem „Ländler“ entwickelt hat, ist eine spezielle Wiener Erfindung, wurzelt im Wiener Boden, kann nur in Wien, oder nur nach wienerischem
Muster getanzt werden. Wien ist es, welches die Musik zu diesem Tanze geschaffen und reformiert, und endlich durch einen Lanner und Strauß und deren Kunst- und Zeitgenossen das Monopol auf dem Gesammtgebiete der Tanzmusik an sich gerissen hat.


So schreibt ein Wiener Schriftsteller, der sich die Erforschung der Wiener Musik zur Aufgabe gesetzt hatte. Aber auch schon der biedere Schulmeister Wolfgang Schmelzl schreibt in seinem vor vierundeinhalbhundert Jahren gedichteten „Lobspruch der Stadt Wien“: „Hier seind viel Singer, Saitenspiel – allerlei Gesellschaft, Freuden viel – mehr Musikos und Instrument – find’t man g’wißlich an keinem End’“, und er hat unter diesen Musikos wohl auch viele gemeint, die zum Tanz aufspielten und die sich an Montagen hinter der Säule am Hohen Markt und an den übrigen Tagen auf der Brandstatt versammelten, wo die Musikantenbörse unter freiem Himmel abgehalten wurde.


Neben der ernsten Musik, der Kunst für die oberen Zehntausend, der Kunst, für deren Pflege sich in munificentester Weise die Habsburger stets einsetzten, entstand auch nach und nach eine Musik für die Bewohner der „enteren Gründe“ Wiens, für das eigentliche Volk, und wenn dieses auch entzückt entgegenlauschte, so fieng doch, wie einmal E.M. Steininger so treffend sagt, das Paradies dieser Menschenklasse beim „Sperl“ an, erstreckte sich bis zum „Mondschein“ auf der Wieden und dem „Grünen Thor“ in der Rossau und hörte auf dem Spittelberg, in den berüchtigten „Beiseln“ beim „Berg Tabor“, der „Hollerstaudn“, dem „A-B-C“ und ähnlichen Spelunken auf. Aber es kam auch eine zeit, wo die höhere Kunst dem Volke mehr entgegenkam und wo auch das Volk der höheren Kunst mehr Verständnis entgegenbrachte. Das war die Zeit, in der die ersten österreichischen Cavaliere – die Eszterhazy, Lobkowitz, Schwarzenberg, Liechtenstein ec. – besoldete Hauskapellen hielten und in der kaiserlichen Winterreitschule, in den Sälen der Redoute, der Universität, des Landhauses, des Müller’schen Gebäudes beim rothen Thurm, im Gasthofe „Zum römischen Kaiser“, endlich im Augarten populäre Concerte veranstalteten, welche die classische Musik ins Volk trugen, anderseits aber auch sehr angesehene Musiker, wie Johann Hummel, der Vater des berühmten Tonkünstlers Joh. Rep. Hummel, Josef Wilde, Musikdirector im Redoutensaal, Franz Pechatschek, Kapellmeister auf der „Mehlgrube“, und endlich Michael Pamer, der Kapellmeister beim „Sperl“, den Sinn der untersten Volksschichten für bessere Musik wecken und auf diese Art die glänzende Epoche der Wiener Tanzmusik anbahnten.

 

Schon im vorigen Jahrhundert tanzte man in der Wiener Oper dem Walzer, den man damals „eine Cosa rara“ nannte, denn die Oper, in der er zum erstenmale vorkam und von vier Personen getanzt wurde, war „Cosa rara“ von Martin Solar. Er wurde überaus populär, und bald hatte man auch einen deutschen Namen für diesen Tanz, den „Langaus“. Später erhielt er die Bezeichnung „Ein Deutscher“ oder „Ein deutscher Langer“. Erst als durch Weber der moderne Umschwung in die Tanzmusik kam und der „Freischütz“ 1819 erschien, sagte man allgemein „Walzer“. Neben Weber verschmähten es auch Beethoven und Schubert nicht, sich in den zauberhaften Kreis des Wiener Walzers hineinziehen zu lassen, und versuchte es der erstere, wohl der gewaltigste unter den Componisten, die Tanzmusik schrieben, die Schwingen seines schöpferischen Genius im einheimischen Dreivierteltakt rhythmisch zu regen, so daß auf der Katharinen-Redoute 1795 zwölf neue Menuetten und zwölf deutsche Tänze von „Herrn Ludwig van Beethoven“ gespielt und „mit Beifall aufgenommen“ wurden.


Am nächsten stand der heimischen Tanzmusik Franz Schubert, dessen Genius so zarte Blüten in seinen deutschen Tänzen, Walzern und Liedern getrieben hatte. Die eigentlichen Schöpfer des Walzers aber waren Josef Lanner und Johann Strauß, welche die Umwandlung des achttaktigen deutschen Tanzes in den sechzehntaktigen, an musikalischen Gedanken reicheren, schwungvolleren, großstädtisch angelegten Walzer durchführten.



Wilhelm Tappert schreibt: „Meine Jugendzeit fiel in die classische Periode „Lanner und Strauß“. Absichtlich ist hier das Wort „classisch“ gebraucht, die beiden Wiener Dioskuren der Tanzmusik sind auch Classiker auf ihrem Gebiete; was sie als Componisten geleistet, steht heute noch unübertroffen da. Labitzky und Dungl, Fahrbach und Faust können jeder nur ein Plätzchen unter den Epigonen beanspruchen. Von den Sieges- und Eroberungszügen der Lanner-Straß’schen Tankweisen innerhalb des 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts kann sich niemand einen Begriff machen, sofern er die Zeit nicht miterlebt hat. Alle Welt sang, pfiff, spielte die Walzer und besonders entzückten die gemüthvollen Weisen Lanners.


Das Volk legte denselben Textworte unter, um die flüchtigen Gebilde der heuten Muse desto sicherer festhalten zu können. Wer kannte damals nicht den Anfang der „Abendsterne“: „Ich hab’ sie nur auf die Stirne geküsst“


Hanslick sagt: Lanner bildet mit den beiden Johann Strauß ein Trifolium classischer Tankmusik, wie es weder vor ihnen geblüht hat, noch ein zweitesmal zu erwarten ist. Das originelle Talent, das Lanner in der engen Form des Walzers entfaltet, repräsentiert vorwiegend den gemüthlichen, liedmäßigen Zug des Wiener Volkscharakters, während die leichtlebige, kecke und witzige Seite desselben in den beiden Strauß ihren glänzendsten Ausdruck findet. Das beste aus Lanner klingt wie ein Nachhall von Franz Schubert. Wer insbesondere Schuberts „Deutsche Tänze“ sich vergegenwärtigt, der wird über die Verwandtschaft der beiden Wiener Meister, des großen und des kleinen, nicht im Zweifel bleiben.

Lanners veilchenduftige Melodien entzückten nicht bloß das Volk, auch die bedeutendsten Musiker haben von ihrer ernsten Höhe sich gerne darnach gebückt, daran erfrischt. Ein Brief Felix Mendelssohns an den Leipziger Concertmeister Ferdinand David schließt mit der Nachschrift: „Das gedruckte Musikwerk sind „Die Berber“ von Lanner. Ich möchte, Du studiertest sie!“


Ein Biograph Lanners faßt sein Urtheil in folgenden Worten zusammen: Als Violinspieler seines Faches war Josef Lanner wirklich einzig zu nennen. Er war Strauß an technischer Behandlung des Instrumentes und an Vielseitigkeit des Vortrags von Natur aus überlegen. Nicht mit Unrecht nannte man ihn damals den Mayseder unter den Walzergeigern. Die Töne entflossen den Saiten seiner Geige bald so lieblich und weich, und bald schwollen sie mit durchdringender, das ganze Orchester beherrschender Kraft zu stürmischer Leidenschaft an, plötzlich aufjauchzend und gleich darauf wieder schwermüthig klagend. Wenn die Athener von Perikles behaupteten, daß er mit seiner Rede zu blitzen und zu donnern verstehe, so machte Lanner die Wiener abwechselnd lachen und weinen. Wer seine gelungensten Tanzpartien, seine „Ungarischen“ und besonders die „Steirischen“ jemals von ihm selbst vortragen gehört, zumal wenn ihn in vorgerückter Abendstunde der eigentliche Künsterraptus überkam, wer jemals unmittelbarere Zeuge davon war, welche magische Gewalt dieser kleine, bleiche Walzertroubadour auf sein ihm mit Leib und Seele ergebenes Auditorium ausübte, der wird unsere Worte keiner Übertreibung beschuldigen. – Was andere vergebens ihr Leben lang suchten, aber niemals gefunden, jenen unnachahmlichen Ausdruck ländlicher Einfalt, verbunden mit artistisch vollendeter Grazie, Lanner hat ihn erreicht, und seine sämmtlichen Compositionen von Opus 1 angefangen bis zu den „Schönbrunnern“, seinem „Schwanengesang“, werden von diesem eigenen Hauche der Wiener Volksthümlichkeit durchweht, deren ungeschminkte Echtheit in letzter Instanz nur der Eingeborne zu bestätigen berufen ist.


„Josef Laimer, Sohn des Handschuhfabrikanten Martin Laimer und dessen Ehegattin Anna, geborne Scherauf, geboren am 12. April des Jahres 1801 in der vorstand St. Ulrich Nr. 10“ – so lautet das Taufprotokoll der Pfarre St. Ulrich, und diese Eintragung ist Schuld, daß man lange vergeblich nach dem Geburtstage unseres Walzerdichters forschte, und daß derselbe heute noch in den verschiedenen Tonkünstler- und sonstigen Lexikas verschieden angegeben erscheint, ja sogar die Inschrift auf dem Grabsteine Lanners auf dem Döblinger Friedhofe den 11. April 1800 als den Geburtstag bezeichnet. Erst den Nachforschungen Pohls, Weiß und F. Wimmers gelang es, obigen Irrthum aufzuklären; namentlich der letztgenannte Schriftsteller gab sich die größte Mühe, den Geburtsort Lanners richtig zu stellen und er wußte sogar, durch bereitwillige Vermittlung des Pfarrers von den Piaristen in der Josefstadt das fürsterzbischöfliche Ordinariat zu veranlassen, eine Currende an sämtliche Pfarrer in Wien zu richten, worin denselben aufgetragen, wurde, „in den Matriken den Taufact des angeblich im Jahre 1800 oder 1801 in Wien geborenen Josef Lanner, ehelichen Sohn des ec. Ec nachzusuchen“; die Currende kam zurück und bestätigten darin gleich der an der Spitze stehenden Pfarre St. Stephan sämmtliche Pfarren Wiens, dreißig an der Zahl, daß der Taufact Josef Lanners vom 1. Jänner 1797 bis dahin 1804 nicht aufgefunden wurde. Erst als die Tochter Lanners, Kathi, einen Taufschein ihres Vaters unter alten papieren fand, konnte man die Geburtsdaten aus dem Taufbuche feststellen und auch dort gleichzeitig die Richtigstellung des Namens veranlassen.


Ein zweiter Umstand, der sich bei den Forschern nach dem Ursprung Lanners hindernd in den Weg stellte, war das unstete Herumziehen des Vaters unseres Lanners. Vater Martin war, nach Erzählungen seiner Zeitgenossen, ein die heitere Gesellschaft und ein gutes Gläschen Wein liebender Mann, dem es bald hier, bald dort besser gefiel, und dem es daher gar nicht darauf ankam, sein Zelt bald da und bald dort aufzuschlagen, so daß er beinahe alle Gründe Wiens durchforscht und in allen eine zeitlang gewohnt hatte.

Der untere Theil der heutigen Neustiftgasse, vom Gebäude der ungarischen Garde bis zum „Platzel“ (dort wo heute die Schottenhofgasse zur Lerchenfelderstraße führt), hieß damals Kapuzinergasse, nach dem unter Kaiser Josef aufgehobenen Kapuzinerkloster, auf dessen Gartengrund eine neue Gasse, die kleine Kapuzinergasse, die spätere Mechitaristengasse, eröffnet wurde. In einem Hause dieser neuen Gasse, Nr. 5, wohnte der k.k. priv. Handschuhfabrikant Martin Lanner in einer Wohnung, die aus Zimmer, Cabinet und Küche bestand und zugleich Werkstatt war. Am 12. April 1801 wurde hier Josef Lanner geboren und am selben Tage von dem Cooperator Franz v. Salazav getauft, wobei ein Freund und Geschäftsgenosse, der Handschuhfabrikant Josef Sterz, die Pathenstelle versah. Seit dem 15. Mai 1879 prangt an dem hause Nr. 5 in der Mechitaristengasse eine hübsche, sorgfältig erhaltene Gedenktafel, welche in Goldlettern die Inschrift trägt: „In diesem Hause wurde Josef Lanner am 12. April 1801 geboren.“


Bald nach der Geburt Josefs zog Lanner auf die Landstrasse, woselbst er sich ein paar Jahre aufhielt; hier ging es ihm in seinem Geschäft recht gut, ja dasselbe wird in diesem Zeitraume von Zeitgenossen als blühend geschildert; es ist daher nicht zu verwundern, daß er sich gegen Abend gerne zu einem Schöppchen Wein bei der „Goldenen Birn“ einfand, wo der damals beliebteste Musikdirector Michael Pamer seine „Eipeldauer Deutschen“, seine „Tempete“, „Ecossaises“ und den ungemein begehrten „Polsterltanz“ täglich aufspielte, ja sogar auch in seinen Walzercompositionen der Mode der Tonmalerei huldigte, die zwölf Monate des Jahres, ihre verschiedenen Temperaturen und Feste, den Ausbruch eines Gewitters und auch die „seeligen Erinnerungen an das gute Hütteldorfer Bier“, das er besonders leibte und in unglaublichen Mengen hinter seine Binde gießen konnte, musikalisch zu schildern versuche.


Da gab es für unsern kleinen Josef kein größeres Vergnügen, als wenn er seinen Vater begleiten oder wenigstens abholen durfte; letzteres that er denn auch, nachdem er sich am „Canal“ müde „geschliffen“ hatte, täglich.

Sein Vergnügen ward wesentlich gesteigert, wenn er in der Kapelle Pamers zu kleinen Dienstleistungen herangezogen wurde, zu denen er sich gerne und willig erbot; hier erwachte sein musikalisches Talent zu mächtigem Drange und so finden wir ihn als achtjährigen Knaben bereist in der Kapelle Pamers, ohne aß er eigentlichen Unterricht genossen hatte; bald spielte er die Violine mit großer Fertigkeit und studierte selbst die Composition aus theoretischen Werken ohne jede Anleitung. Im Jahre 1818 verließ er die Kapelle Pammer, da es ihn dazu drängte, selbst zu dirigieren. Mit den Brüdern Drahanek gründete er ein Terzett (zwei Violinen und eine Gitarre), dem sich 1819 Johann Strauß, der bis dahin gleichfalls Mitglied der Kapelle Pamer gewesen, als Bratschist anschloß.

Im Jahre 1819 spielte das Quartett Lanner öfters in der Woche, und zwar an regelmäßigen Tagen beim „grünen Jäger“ und in Jünglings Kaffeehaus in der Leopoldstadt. War das Stück zu Ende, nahm Lanner einen Teller oder ein zur Güte gedrehtes Notenblatt und ging absammeln.

Lanner hat bereits vor dem ersten von ihm im Druck erschienenen Werke manches componiert; ebenso sind viele später componierte Werke von ihm gar nicht im Druck erschienen, auch scheint er früher componierte Werke erst später in die Reihe seiner Compositionen eingefügt zu haben. So trägt Opus 14 den Titel „Die Cavallerie zu Fuß“, eine Pantomime, die im Jahre 1812 bis 1814 im Theater in der Leopoldstadt und Opus 43, „Luftig und lebendig“ oder „Die Schlittenfahrt“, den Titel eines Singspieles, welches 1816 zum erstenmale im Theater an der Wien aufgeführt wurde.

Im Juni 1820 finden wir das Quartett Lanner im sogenannten „wällischen Bierhaus“, der eigentliche Schild hieß „zum wällischen Bauer“, in der Praterstraße Nr. 34. Lanner hatte sich schon mit seinem Quartette in die Herzen der Wiener hineingespielt und seine Kapelle wuchs mit siener Beliebtheit, so daß er sein Quartett bald zum Quintett erweitern konnte. Mit diesem Quintette spielte er beim „Rebhuhn“ in der Goldschmiedgasse in der inneren Stadt, wo auch stets Schubert erschien und als echte herzliche Künstlernatur, die keinen Künstlerstolz und keinen Künstlerneid kannte, den jungen Walzergeiger durch Beifall und Anerkennung aufmunterte, worüber dieser stets die größte Freude empfand und sich dieser Anerkennung würdig zu erweisen suchte.


Im Mai 1824 konnte er im ersten Prater-Kaffeehause bereist mit einem Orchester von Streichinstrumenten vor das Publicum treten und errang einen glänzenden Erfolg damit. Lanner war auch der erste, welcher sich mit einem aus Streichinstrumenten gebildeten Orchester in öffentlichen Gärten hören ließ, während man früher nur Blasinstrumente spielte.

Am 1. September 1825 kam es zwischen Lanner und Strauß beim „Bock“ auf der Wieden zu einerheftigen Auseinandersetzung, an der sich nicht nur die Mitglieder der Kapelle, sondern auch ein Theil des Publicums betheiligte; daß es dabei recht wild herging und sogar in Thätlichkeiten ausartete, geht daraus hervor, daß selbst ein großer Spiegel zertrümmert wurde. Zum Gedächtnis daran soll Lanner den Trennungswalzer, Opus 19, nach den vier aufgegebenen Worten: Trennung, Schnakerl, Bock und Klage componiert haben.


Am 24. November 1828 ließ sich Josef Lanner in der Pfarre auf der Laimgrube mit der Handschumacherstochter Francisca Johns trauen und bei der beim „Bock“ stattgefundenen Hochzeitsfeierlichkeit versöhnten sich wieder Lanner und Strauß.


Das im Jahre 1829 erschienene dreißigste Werk trägt zum erstenmale unter dem Namen Josef Lanner den Charakter: Musikdirector der k.k. Redoutensäle. Nun wurde er immer mehr beschäftigt und geben auch so manche seiner im Druck erschienen Compositionen Zeugnis von den Kunstausflügen, die er mit seinem Orchester unternommen, so die Dornbacher Ländler (Opus 9), die Hollabrunner Ländler (Opus 21), die Schwechater Ländler (Opus 32), die Altenburger Ländler (Opus 40), die Hainbacher Erinnerungswalzer (Opus 112).


Im Jahre 1832 gab Lanner vielbesuchte Abendunterhaltungen im Leopoldstädter Theater und im Mai 1832 fügte er einem öffentlich abgestatteten Dank „für die huldvolle Gewogenheit, womit ein hoher Adel und ein verehrungswürdiges Publicum in den abgeflossenen Wintermonaten seine Unterhaltungen auszeichneten“ ein Verzeichnis bei, wo er in der laufenden Sommersaison mit seinem Orchester zu hören sein werde, und zwar am Sonntag in Ungers Kaffeehaus nächst der Hernalser Linie, Montag im Volksgarten, Dienstag beim „weißen Engel“ in Hietzing, Mittwoch in Wagners Kaffeehaus im Prater, Donnerstag im Paradiesgartel, Freitag im Gasthofgarten „zu den zwei Tauben“ nächst dem Wasserglacis, Samstag in Baden im Gasthofe „zum schwarzen Adler“. Später kam Domayer an Stelle des „Weißen Engel“. Diese Aufstellung gibt aber auch gleichzeitig ein Bild von der Musikliebe der damaligen Wiener Bevölkerung, da außer Josef Lanner auch der nunmehr selbständig wirkende Johann Strauß fast jeden Tag und noch vier oder fünf kleinere Musikdirectoren die ganze Woche hindurch zuthun hatten.


Gewöhnlich paßte Lanner seine Compositionen Gelegenheiten der Zeit an und wurden dieselben, die er meist hohen und höchsten Personen widmete, durch huldvolle Annahme und durch oft sehr wertvolle Geschenke ausgezeichnet; so erhielt Lanner im Laufe einiger Jahre von Sr. Majestät beim Kaiser Nikolaus von Rußland einen Brillantring; von Ferdinand II., König beider Sicilien, eine Busennadel mit einem einzigen, großen Solitär; von Ihrer Majestät Maria Theresia, Königin beider Sicilien, eine große Busennadel von Brillanten; ebenso Brillantringe und Busennaden von Ihrer Majestät der Königin-Mutter Isabella von Sicilien, von Marie Amelie von Frankreich, von Marie Louise, Herzogin von Parma, von Marie Rikolajewna, Großfürstin von Rußland, von der Herzogin Henriette von Württemberg, von Adam, Herzog von Württemberg, von der Kaiserin von Rußland Alexandra Feodorowna, von Sr. Excellenz Achmet Fethi Pascha u.a. m.


Lanner wird uns von Zeitgenossen als ein außerordentlich gemüthlicher, jovialer, hin und wieder etwas derber, echter Wiener geschildert, der sich schwer an die strenge Etikette des Hofes gewöhnen konnte, welcher Umstand ihn auch seine Stelle bei Hof kostete, zu welcher nach ihm Strauß berufen wurde.


Wenn wir der Erzählung eines Mitgliedes seiner Kapelle Glauben schenken dürfen, so hat sich jener Etikettefehler folgendermaßen zugetragen:

Während eines Balles in den k.k. Redoutensälen der Hofburg, nach einem längeren Menuet, das Lanner, welcher die Ballmusik dirigierte, eben abgespielt hatte, trat die Frau Erzherzogin Sopie auf den Kapellmeister zu und redete ihn mit den huldreichen Worten an: „Jetzt haben sie sich aber recht abgemüht ?!“ Lanner, sich eben den Hals abtrocknend, erwiderte in seiner bekannten urgemüthlichen Manier: „No i glaub’s, kaiserliche Hoheit“ und den Frack zurückschlagend fügte er hinzu: „Da schauen’s her, wia i schwitz!“


Später scheint er wieder in Titel und Würden eingesetzt worden zu sein, denn im Fasching 1841 spielt er wieder in den k.k. Redoutensälen, und zwar in „purpurrother Uniform“.

Am 10. Februar 1834 veranstaltete Lanner in den Sälen „zum römischen Kaiser“ ein Ballfest unter dem Titel „Huldigung den Frauen“ zu seinem Benefice. Nebst dem „Lockkwalzer“, den „Unwiderstehlichen“ und den Juristenball-Tänzen“ wurde zum erstenmale der „Pariser Walzer“ der Königin der Franzosen gewidmet, und der „Rosen-Cotillon“ aufgeführt. Der Andrang zu diesem Feste begeisterte einen zeitgenössischen



Berichterstatter zu dem Reim:

Der Kaisersaal nicht faßte die Gäste,

die alle strömten zu Lanners Feste.“


Am 31. August, an einem Sonntage, veranstaltete Lanner, „begünstigt von allen Elementen“, eines der schönsten und reizendsten Gartenfeste, die Wien je gesehen, in dem prachtvollen Park, den Graf Ferdinand Pallfy, der kunstsinnige Eigenthümer des Theaters an der Wien, in Hernals besaß und den er dem Walzerheros zur unumschränkten Benützung überlassen hatte. Den die Zahl 5000 weit überschreitenden Besuchern standen auch die Gemächer mit allen ihren Kunstschätzen zur Besichtigung offen, bei einbrechender Dämmerung gab es Feuerwerk und Wasserkünste, einen Fackelzug, und in einem eigens errichteten, vollständig parkettierten und feenhaft beleuchteten Zelte wurde leidenschaftlich getanzt, wozu Lanner die eigens für dieses Fest componierten und unvergleichlich schönen „Abenteuer“ (Opus 91) aufspielte und unzähligemale wiederholen mußte.


Im November 1934 machte Lanner mit seinem Orchester die erste Reise nach Pest, von der er, mit reichen Erfolgen gekrönt, Mitte November zurückkehrte; dort entstanden die „Pesther Walzer“, Opus 93, der ungarischen Nation gewidmet, einer seiner hübschesten Compositionen. In Wien spielte er diese Compositionen ebenso wie „Die Berber“, Opus 103, mit welchen er, dem Ausspruche eines Musikers zufolge, den Höhepunkt der Walzercomposition erreicht hatte, auf dem Katharinenballe des Jahres 1835 beim „Sträußel“ im Josefstädter Theatergebäude vor und wurde auch hier durch enthusiastischen Beifall belohnt.


Aus dem Jahre 1834 mögen hier ein paar Zeilen Johann Langers Platz finden, die am besten und treffendsten die außerordentliche Beliebtheit Lanners und Strauß wiedergeben. J. Langer schreibt: „Der witzige Giftschütz hat die Weltgeschichte des Jahres 1830 in zwei Worten geschildert: „Aufruhr – Brechruhr“; ich behaupte, die Wiener Geschichte unserer Tage (1834) läßt sich ebenfalls in zwei Worten sagen: „Lanner – Strauß“. Das sind zwei Folioblätter, auf denen Klio unsere Gegenwart verewigt; die echten Gebrüder Amplions, die steinerne Engel, hölzerne Füße und Waschbären zum tanzen bringen, die wirklichen Nachfolger Radmas’, die Reunionen und Ballzettel wie Drachenzähne aussäen und die wüstesten Gasthöfe und Ballsäle mit Menschen bevölkern.“ Eine Pester Zeitung vom 15. November 1834 schreibt: „Hatte Strauß den höchsten Sinnreiz aufgeregt und gleich einem reißenden Weltstrom Jung und Alt mit seinen Tonwellen fortgerissen, so hat Lanner durch sein Schmeicheln und Tändeln alle Herzen unwiderstehlich für seine zauberischen Klänge gefesselt. Strauß und Lanner glänzen, zwei Sternen gleich, an einem Himmel, nur ist der Lichtglanz, den ihre genialen Compositionen von sich strahlen, verschieden; ersterer blendet, letzter leuchtet.“ Und Ph. Peil schreibt gleichzeitig in einem Pester Blatte: „Strauß spricht durch den Geist zum Herzen, Lanner durch das Herz zum Fuß.“


Am 22. Jänner 1835 folgte Lanner abermals dem Rufe nach Pest, wohin er mit sechs Eilwägen fuhr; innerhalb sechs Tagen leitete er die Musik bei zwei Redouten in Pest, einer in Ofen und zweier adeliger Gesellschaften in Pest. Die Redouten versammelten mehr als 3000 Personen bei einem für die damalige Zeit sehr hohen Entree von 1 fl. 30 fr.; seine hier componierten neuen Walzer, „Mein Abschied von Pest“, später durch Titel-Wahl (durch Damen) in „Monument-Walzer“ umgetauft, trugen ihm von einem Pester Kavalier, dem sie gewidmet waren, 50 Ducaten in Gold ein; großen Beifall fanden auch seine mitgebrachten „Dampf-Walzer“.


Am 3. November desselben Jahres reiste Lanner, einem wiederholten Rufe Folge leistend, zum drittenmale nach Pest; diesmal jedoch war er nicht so, wie die beiden erstenzwei Male, vom Glück begünstigt.


Als Lanner am 1. März 1835 beim „Schaf“ auf dem Schottenfelde die Ballmusik dirigierte, trat ein Polizeicommissär an das Orchester und sprach zu Lanner: „Ich ersuche Sie, augenblicklich aufzuhören und keinen Strich weiter zu machen, da soeben Se. Majestät gestorben“ und die Musik verstummte und sie blieb verstummt sechs Wochen lang im ganzen land; ja selbst die Werkelmänner durften während dieser Zeit nicht spielen, sie verhüllten ihre Instrumente mit Trauerflor und gingen betteln.


Am 23. April 1836 wurde im Theater in der Josefstadt zum erstenmale „Der Preis einer Lebensstunde“, romantisches Märchen mit Gesang in zwei Aufzügen nebst einem Vorspiel, nach einer Erzählung von Castelli, frei bearbeitet von Karl Meisl, Musik von Josef Lanner, aufgeführt, fiel aber, wie Zeitgenossen versichern, wegen des schlechten Textbuches ab; im Druck erschien bloß die Ouverture, Opus 106. Im Jahre 1889 gelang es Eduard Kremser, durch Vermittlung des bekannten Strauß- und Lanner-Manuscriptensammlers Benedict Pfleger, die Originalpartitur dieses Werkes zu erhalten und redigierte derselbe den musikalischen Theil des Posse unter vollständiger Beibehaltung der bemerkenswertesten Lanner’schen Original-Melodien für die moderne Bühne, während Benjamin Schier die Posse zu einem Einacter unter dem Titel „Ein Stunde des Glücks“ umwandelte.


Im Carneval 1837 fanden beim „Sperl“ sogenannte „Champagnerbälle“ statt, bei welchen „Chapagnerbouteillen“ gewonnen wurden; Lanner schreib darauf bezüglich eine „Champagner-Knall-Gallopade“, Opus 114.


Im November desselben Jahres unternahm Lanner eine Kunstreise nach Graz, wo ihm die Elite der Gesellschaft in mehreren Equipagen entgegenfuhr. Abends wurde ein großes Feuerwerk zu Ehren Lanners, am Schluße desselben eine Front mit „Willkommen Lanner“ abgebrannt. Lanner spielte dreizehnmal in Graz, zumeist auf der Schießstätte im Salon, das Publicum war entzückt, begeistert, hingerissen und rief: „Lanner ist hier, der liebe gemüthliche Lanner, mit den schwermüthigen Molltönen in seinen heiteren Weisen ! Lanner, der die Füße hupfen macht, während sich eine leise Thräne in das Auge drängt, Lanner, dessen Melodien an den Unfern der Seine und am Strande der Newa klingen, dessen Namen der eisige Norden und der blühende Süden nennt, dieser Lanner ist hier!“. Für die enthusiastische Aufnahme, die Lanner hier fand, dankte er durch die Compositionen „Amorsflügel“, Opus 120, „Prometheusfunken“, Opus 123, und „die Alpler“ Opus 124. Hier erhielt Lanner auf glänzende Anträge nach Klagenfurt, Marburg und Triest u.s.w.


Zu dieser Zeit weilte Johann Strauß in Paris, und zeigten sich nach Zeitungsberichten die Franzosen auch auf Lanner, den sie den melancholischen Walzercomponisten nannten, sehr begierig. Der „Figaro“ behauptete sogar schon ganz fest, Lanner werde im nächsten Frühjahre nach Paris kommen; vielleicht bestand auch diese Absicht, zur Ausführung gelangte sie jedoch nicht.


Am 22. April 1838 leitete Lanner den „maskierten Ball“ in den k.k. Redoutensälen; derselbe – zum Besten der Überschwemmten von Ofen und Pest mit einer Lotterie von 2097 Gewinsten ausgestattet – bot in vieler Beziehung Interessantes. Das Orchester bestand aus 250 Mann, aufgeführt wurden u.a. zwei Trompetenmärsche, auf 50 Trompeten geblasen, ein großes musikalisches Tongemälde unter dem Titel „Die Krönungsfeierlichkeit“, deutsche und italienische Vocalchöre von 60 Sängern unter Leitung des Vicekapellmeisters Weigl. Der Eintritt betrug 4 fl für die Person!


Am 4. Juli desselben Jahres veranstaltete Hoftraiteur Daum im k.k. Augarten ein Fest unter dem Titel „Ariadne auf Naxos oder der Triumpf der Leibe“; das Fest, das von 10000 Menschen besucht war, bot an Beleuchtung und Ausstattung das denkbar großartigste für die damalige Zeit. Lanner concertierte bei diesem Feste, das dreimal wiederholt wurde, mit zwei Orchestern; bei der dritten Wiederholung, welche am 20. August stattfand, war Lanner bloß mit einem Orchester vertreten, da er selbst mit 24 Mann sich bereits auf dem Wege nach Mailand befand, da bei Gelegenheit der Körnung Sr. Majestät des Kaisers Ferdinand in Mailand die Wahl der Besorgung der Festmusik bei den öffentlichen Banketten und Hoffesten in Innsbruck, Mailand, Venedig und Triebst auf ihn fiel. Auf der Durchreise spielte Lanner in Linz und Innsbruck mit großem Erfolge.


In Mailand und Venedig errang sich Lanner allgemeine Bewunderung; er spielte bei allen Hoffesten, bei allen Bällen bei Hof, bei den Ministern und Botschaftern; hier erhielt er von dem Herzog von Lucca drei kostbare Brustknöpfe aus Brillanten und Smaragden. Im März 1839 spielte Lanner wieder bei der „Birn“, die Ankündigung versichert, „daß seiner unerschöpflichen Muse die ganze Leitung des Musikwesens anvertraut worden sei“.


Gelegentlich der Anwesenheit Ole Bulls im April 1839 componierte Lanner nach den beliebtesten Compositionen des berühmten Geigers eine Walzerpartie, welche jedoch nicht im Druck erschien. „Er trägt“ – so lesen wir darüber – „die Solostellen mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit vor; sein Vortrag erregt außerordentlichen Beifall. – Ole Bull bezeugt ihm hierüber seine vollste Anerkennung !“


Am Tage vor seiner Abreise nach Brünn, am 24. November 1839, leitete Lanner die Musik zu einem großen Katharinen-Festball im Saale „zur goldenen Birn“. Der beliebte Walzercomponist trug an diesem Abende folgende neue Musikstücke „als Gratulations-Guirlande“ zum erstenmale vor: „Liebesträume-Walzer“, Opus 150 (auch „Brünner Walzer“ genannt), „Amazonen-Walzer“ und eine Quadrille francaise; am 25. November machte Lanner mit seinem Orchester einen „Rutscher“ auf der im Sommer (am 7. Juli) eröffneten Eisenbahn nach Brünn, einer Einladung des Landesgouverneurs Grafen Ugarte Folge leistend. Er spielte einmal im Redoutensaale beim Katharinenball und einmal in einer Soiree. Noch im selben Jahre erfreute Lanner seine allzeit getreuen Diener mit den reizenden „Marien-Walzern“, Opus 143.


Die Sensation des Faschings 1840 waren „Die Preißburger-Walzer“, Opus 155, welche Lanner der einstigen ungarischen Krönungsstadt zum Geschenke machte. Sie zählten mit den „Hofballtänzen“, Opus 161, und „Die Nachtviolen“, Opus 160, „voll hüpfender Laune und schmeichelnder Melodienfülle“ zu den besten Compositionen der Saison. Die letztgenannten Walzer wurden auch auf dem vom kaiserlichen Rath Manussi veranstalteten „Blindenball“ bei der „Birn“ zum erstenmale gespielt. Welche Thätigkeit Lanner zu sämmtlichen Bällen, welche bei der „Birn“ mit Ausnahme des Freitags alltäglich stattfanden, die Ballmusik bei Hof, bei den Subscriptionsbällen in Domayers Casino, zum maskierten Armenball u.s.w. besorgte.



Am 16. Jänner 1840 dirigierte Lanner zum erstenmale die Musik am Kammerball bei Hof, am 20. Jänner wirkte er bei einem Ballfest in Pressburg mit, welchem auch Franz Liszt beiwohnte, am 22. ist er bereits wieder in Wien, wo er unter anderem im k.k. Redoutensaal selbst Quadrillen dirigiert, endlich war er im selben Monate auch in Brünn. Für ein im Mai 1840 zum Besten der Abgebrannten in Gänserndorf veranstaltetes Gartenfest schreibt Lanner die „Hoffnungsstrahlen“, Opus 158; im selben Jahre entstehen auch noch „Die nächtlichen Wanderer“. Im October 1840 begegnen wir der Zeitungsnotiz, daß sich „Lanners Orchester in Zukunft uniformiert producieren“ werde.


Im Jänner 1841 werden Lanners so beliebte und echt nationale „Steirische Tänze“, Opus 165, im k.k. Hofoperntheater im Ballet „Der Sieg der Kunst“ mit ungewöhnlichem Beifall aufgeführt. Dasselbe Jahr bringt auch die „Romantiker“, Opus 167, welche der Kaiserin Alexandra Feodorowna von Rußland gewidmet sind und Lanner einen prachtvollen Brillantring eintrugen. Im selben Jahre veranstaltete Lanner in Domayers „Reunion“ bei der „Birn“ und in der „Bierhalle“ regelmäßige Aufführungen unter dem Titel „Musikalische Kränzchen“; „an allen drei Orten“ schreibt ein damaliger Berichterstatter – „ist mit Mühe ein bescheidenes Plätzchen zu bekommen. In der „Birn“ spielt Lanner auch abwechselnd Violinfolis und Clavierbegleitung.“


Die „Ideale“, Opus 192, eine der weniger bekannten Walzerpartien Lanners, die aber seinerzeit Aufsehen erregten, kamen beim Künstlerball bei der „Birn“ im Carneval 1842 zur ersten Aufführung. Am 27. Juni veranstaltete Lanner in der „Bierhalle“ vor der Mariahilferlinie eines jener populären Gartenfeste, die jedesmal so massenhaft besucht waren, daß Mahler, der nachmalige Achtundvierziger darüber berichtet: „Zwei Stunden trabte ich in dem festlich beleuchteten Garten umher und konnte keinen Platz, geschweige denn ein Plätzchen erhalten. Wo ein herrenloser Stuhl stand, frug ich mit süßen Lächeln, ob man sich da niedersetzen dürfe, und immer hieß es: Der Stuhl ist besessen! – Wahnsinn! ... Im Garten spielten zwei Militärbanden, im Saale dirigierte Lanner die Tanzmusik und elektisierte Jung und Alt durch seinen neuesten fidelen Walzer „Die Vorstadtler“, Opus 195.“




Am 11. Juli 1842 wirkt Lanner bei einem von Domayer veranstalteten „Zauberschleicherfeste“ mit und brachte hier seine „Nixentänze“ zur ersten Aufführung. Im selben Locale führte er auch seinen Schwanengesang, die „Schönbrunner“, Opus 200, zum erstenmale vor. Diese Composition erschien im März 1843 bei Tobias Haslinger und schreibt ein Kritiker dieser Zeit: „Lanner hat seiner Muse etwas Muße gegeben, dafür aber überflügelt das jüngste Kind seiner Laune alle seine früheren Producte.“


Zum letztenmale spielte Lanner am 22. März 1843 in Domayers Casino, zwei Tage darauf wurde er infolge einer Verkühlung von einem Nervenfieber ergriffen, welches in eine Gehirnlähmung überging, die nach einem schmerzvollen Krankenlager seinem leben am 24. April 1843, an einem Charfreitage, nach kauf eingetretenem 43. Jahre ein Ende bereitete. Er starb in seinem Landhäuschen in Döbling am Währingerspitz. Die Trauerparte gibt seinen Charakter folgendermaßen an: Musikdirector, Kapellmeister des II. Bürgerregimentes, Musikdirector der k.k. Redoutensäle, Ehrenbürger von Wien, Ehrenmitglied des Musikvereines von Innsbruck u.s.w.


In den Sonntagsblättern schrieb L.A. Frankl folgenden Nekrolog: „Jede Schöne Wiens sollte diesem musikalischen Abraham a Santa Clara einen Strauß aufs Grab legen, und sollten künftig Frauen an seinem Todestage wie um das Grab eines berühmten deutschen Minnesängers (Frauenlob) einen Todtentanz aufführen. Wenn seine Geige klang, schien vielen der Himmel voller Geigen zu hängen. Besser wie Karl V. mit den Uhren, gelang es ihm, hunderttausende von Herzen nach einem Tacte schlagen zu machen“.


Über sein Begräbnis lesen wir: „Den Zug eröffnete die Schuljugend mit dem Kreuze; dann kam eine Abtheilung des II. Bürgerregimentes mit der Musik des I. Bürgerregimentes mit Johann Strauß an der Spitze; dann die Sänger und die Geistlichkeit und Officiere des Bürgerregiments. Dem Sage folgten seine Frau und seine Kinder, dann eine Reihe von Unterofficieren aller Corps, die uniformierte Bürgerschaft, seine Kapellmitglieder, eine unabsehbare Mange Volkes und zum Schlusse das Musikcorps des II. Bürgerregimentes und eine Abtheilung desselben.“


Lanners Vater, Martin war in seinem Geschäfte immer mehr und mehr heruntergekommen und zuletzt Baßgeigenträger und Billeteur in der Kapelle seines Sohnes.


Lanners Sohn August dirigierte als 9jähriger Knabe unter Anleitung Schröders Im Jahre 1843 das Orchester seines Vaters, wurde 1848 Tambour bei der Nationalgarde, starb jedoch bereits 1851, erst 21 Jahre alt; seine Tochter Fanny, eine vorzügliche Pianistin und Sängerin, die ein braver Wiener Bürger zur Künstlerin ausbilden ließ, starb gleichfalls in früher Jugend, nur Katharina, die jüngste Tochter Josef Lanners, lebt heute noch hochbegabt in London und war als pikante Tänzerin, für deren kunstfertige Füßchen unter Lanner manch Tänzlein schrieb, überaus beliebt.


Ein Biograph Kathi Lanners schrieb im Jahre 1893: „In das Jahr 1876 fällt die Gründung der National Training School für Dancing (National-Tanzschule) durch den Impresario und Director des Opernhauses, Oberstlieutenant Mapleson, den Mitarbeiter Kathi Lanners. Heute ist diese School ganz in Frau Lanners Händen. Im December 1877 tanzte sie in Dublin zum letztenmale vor der Öffentlichkeit. Ihre berufliche Thätigkeit aber hat sich seit diesem „unwiderruflichen letzten Auftreten“ verzehnfacht. Seit Kathi Lanner in London lebt, ist auf keiner Londoner Bühne ein Ballet von Bedeutung (selbständig oder als Theil einer Oper ) herausgebracht worden, wo sie nicht leitend mitgethan hätte, und erst seitdem sie in die gegenwärtige feste Verbindung zum Empiro getreten ist, mußte sie der Mitwirkung bei ausgesprochenen Concurrenzunternehmungen entsagen. Die Palme der Inscenierungskunst kann ihr aber auch heute noch niemand streitig machen und nirgends in ganz London wird ein so künstlerisches Ballet geboten, wie dort, wo Kathi Lanner schaltet.“


In nächster Zeit wird Josef Lanner im Vereine mit seinem Zeitgenossen Johann Strauß im VII. Bezirke unweit der Stelle, wo er das Licht der Welt erblickt und wo er (bei der „Birn“) zahlreiche Triumphe gefeiert hat, ein Denkmal errichtet, welches einer Anregung des Bezirksausschusses Neubau vom April 1894 seine Entstehung verdankt.


Über Lanner als Componist und Geiger hat. G.R. Saphir im Jahre 1835 hübsch empfundene Worte geschrieben, die wir als Schluß unseres Lebensbildes anfügen wollen:

„Während die eine Hälfte meiner Seite gewalzt hat, hat die andere Hälfte sinnend und sinnig den Tönen gelauscht, die aus seiner Violine wie lange dunkle Locken hinflattern in der halberhellten Nacht und sich thränennaß um Ohr und Herz wickeln. Seine Violine ist ein Doppelwesen, die lacht unter Thränen, ist heiter und ernst zugleich und seine Composition läßt durch tausend zum Tanz verschlungenen Gruppen oft die Perspektive auf eine romantische Landschaft mit melancholischen Schatten und trauernden Genien offen.“ Und ihn mit Strauß vergleichend, sagt er: „Lanner ist ein tieferer, innigerer Violinspieler als Strauß; er hängt an seiner Violine mit deutscher und ehrlicher Treue und tiefem Gefühl. Strauß befiehlt zum Tanz, Lanner schmeichelt und verführt dazu!“


Verfasst von Ferdinand Rebay und Otto Keller, Verlag des Wiener Musik-Verlagshauses, Wien 1901